ST. LAURENTIUS
Pfarrkirche zu Essen-Steele
 

Am 3. Oktober 1873 sah sich der Steeler Pfarrer Heinrich Hake gezwungen, beim Kölner Generalvikariat "um die Genehmigung einer Anleihe von 20.000 Talern" nachzusuchen. Denn dem noch nicht ganz abgeschlossenen Bau der neuen Laurentiuskirche hatten sich noch "unvorhergesehene Hindernisse entgegengestellt, wodurch bedeutende Mehrkosten unvermeidlich geworden waren."
Nachdem die Frage der Repräsentation und des Bauplatzes höheren Ortes grundsätzlich entschieden war, wurden auf der Kirchenvorstandssitzung am 27. September 1869 die Pläne und der Kostenvoranschlag des Architekten August Rincklake geprüft und "im großen und ganzen für angemessen gehalten." Rincklake, der zwei Jahre später auch die Gertrudiskirche in Essen bauen sollte, veranschlagt an reinen Baukosten 71.000 Taler. Da Bauplan und Kostenvoranschlag am 13. Juni von der Regierung und am 20. Oktober 1869 von der Erzbischöflichen Behörde genehmigt worden waren, konnte "mit dem Bau im Anfang des Frühjahrs 1870 begonnen werden." Die Arbeiten wurden unter der Leitung von Caspar Pickel durch die Essener Baufirma Friedrich Funke und Wilhelm Schürenberg ausgeführt.

Am 26. Juni 1870 konnte endlich der Grundstein zur neuen Kirche gelegt werden. Nachdem Pfarrer Hake eine Abschrift der Grundsteinlegungsurkunde im Beisein von zahlreichem Volk verlesen hatte, mauerte Dechant Hermann Köllmann das in einer Kapsel liegende Original in den Grundstein ein. Dazu legte man noch verschieden Münzen und die jüngsten Nummern der in Steele und Essen erschienenen Zeitungen. Nach dieser Zeremonie begann das Hochamt mit einer Festpredigt, die von Dechant Köllmann gehalten wurde. Der feierliche Akt fand um 13.30 Uhr seinen Abschluss mit einem Festessen im Humannschen Saal, woran sich viele Gemeindemitglieder und auswärtige Gäste beteiligten.
Schon zwei Tage später musste die Steeler Zeitung melden: "Der Weiterbau der hiesigen katholischen Kirche hat von den Unternehmern um vier Wochen müssen gestundet werden und zwar lediglich aus dem Grund, weil die Lieferung der Steine, welche vom Isenberg bei Hattingen genommen werden, nicht in der Weise erfolgt ist, dass die Maurer ununterbrochen arbeiten konnten."
Da sich die Mehrheit des Kirchenvorstandes für die Errichtung der Kirche auf dem Platz der alten entschieden hatte, stellte sich das Problem, während der ganzen Bauzeit einen Gottesdienstraum zu behalten. Man entschloss sich zu bautechnisch außergewöhnlichen Lösung, die neue Kirche in zwei Abschnitten zu bauen. Dazu musste der alte, um die Kirche herumliegende und seit den dreißiger Jahren nicht mehr neu belegte Friedhof eingeebnet werden. Das nahe dem heutigen Turm stehende, neue Pfarrhaus wurde abgebrochen und in etwas vergrößerter Form an seinem heutigen Platz wieder aufgebaut. Dann erbaute man das jetzige Längsschiff und hielt in der alten Kirche weiter den Gottesdienst ab. Anfang Februar 1872 konnte dieser neue Kirchenteil für den Gottesdienst in Betrieb genommen werden. Bei dem nun einsetzenden Abbruch der alten Kirche fand man im Altarstein noch einige Reliquien.
Als man in den neuen Kirchenteil umgezogen war, stellte sich für den Kirchenvorstand die Frage, ob die alte 1824/25 erbaute Orgel für die neue Kirche wieder zu benutzen sei. Nach dem von Fachleuten eingeholten Urteil war "die Verwendung der alten Orgel bzw. deren Aufstellung in der neuen Kirche durchaus nicht anrätlich und aus architektonischen Gründen nicht zulässig." Da sich der Orgelbaumeister Sonreck sogar bereiterklärte, "eine Notorgel für die Bauzeit gratis zu stellen", entschied man sich in Steele mit erzbischöflicher Genehmigung für die Anschaffung einer neuen Orgel.

Da die 1869 auf 71.000 Taler veranschlagten Baukosten keine Beträge für Mobiliar und Inventar enthielten und der Baufond im Januar 1872 nur noch einen Kassenbestand von 10.000 Talern hatte, musste man nach anderen Finanzierungsmöglichkeiten z.B. für das Geläut suchen. Der Steeler Kirchenvorstand richtete deshalb am 30. April 1872 ein in sehr patriotischem Ton gehaltenes Gesuch an den Deutschen Kaiser und König von Preußen Wilhelm I. (1861/70 - 1888). Darin baten sie Seine Majestät, "Nach dem glorreichen Sieg über Frankreich (1870) der hiesigen Pfarrgemeinde zur Erwerbung eines neuen Geläutes einen dazu entsprechenden Teil von den eroberten Kanonen allergnädigst zuzuwenden." Denn "die Glocken der abgebrochenen Kirche sind für die neue nicht ausreichend und es bleibt die Beschaffung eines den baulichen Verhältnissen der Kirche sowohl die denen des ausgedehnten Pfarrbezirkes entsprechenden großen Geläutes notwendig. Die größte Glocke soll dann als "Kaiserglocke" auf dem Turm unserer Kirche ihren Platz einnehmen, um den künftigen Geschlechtern die großen Taten der Kaiserlichen Majestät zu verkünden."
Nachdem dieser Gesuch im Juni abgelehnt worden war, versuchten es die Steelenser noch einmal auf dem Dienstwege und in bescheidener Form für nur eine Glocke. Obwohl die Düsseldorfer Regierung das Anliegen unterstütze und sich die Gemeinde sogar zur Übernahme der Transport- und Aufhängekosten bereiterklärte, wurde sie am 13. Dezember 1872 vom Kriegs- und Kulturministerium abschlägig beschieden. "Geschützbronze kann für die dortige Kirche nicht verabfolgt werden, da bei den zahlreichen derartigen Anträgen und dem nur noch geringen Bestand zu kirchlichen Zwecken bestimmter Geschützbronze vorzugsweise die Gesuche solcher armen Gemeinden zu berücksichtigen sind, denen ein Kirchengeläut überhaupt fehlt."
Die Laurentiusgemeinde ließ es sich aber nicht nehmen, wenigstens eine große, neue Glocke bei der Firma Petit und Edelbrock in Gescher in Auftrag zu geben, die dann zum Anstoß für den "Steeler Kulturkampf" werden sollte. Auf dieser Glocke, die Mitte Juni 1874 benediziert und in dem fertig gestellten Turm aufgehängt wurde, befand sich in hervortretenden Lettern eine lateinische Inschrift. In Reimform spielte sie an auf den Kulturkampf, die Aufhebung des Päpstlichen Kirchenstaates (1870), die Bestrafung des Erzbischofs Melchers mit Gefängnis (Juli bis Oktober 1874) und die Unterdrückung der freien Rligionsausübung in Preußen.

Nach dreieinhalbjähriger Bauzeit war der letzte Bauabschnitt, das Oktogon und der Chor, am 1. November 1873 vorläufig seiner Bestimmung übergeben worden. Der feierliche Abschluss der hier geschilderten fünfjährigen engeren Baugeschichte der neuen Laurentiuskirche wurde auf Donnerstag nach Pfingsten, den 20. Mai 1875, festgesetzt und zugleich zu einer Manifestation des kirchlichen Lebens in der Kulturkampfzeit.
Die eigentliche Kirchweihe durch Erzbischof Melchers begann am 20. Mai 1875 um 6 Uhr und dauerte mit der Konsekration der Altäre bis 9.30 Uhr. Daran schloss sich das feierliche Hochamt mit Predigt an.

Trotz der großen Opferbereitschaft der Steeler Gemeinde vor allem seit Ende der sechziger Jahre und des prächtig kämpferischen Abschlusses der Einweihung lässt sich nicht verheimlichen, dass der Bau des "Steeler Domes" mit anderen Bauprojekten die Finanzkraft der Laurentiusgemeinde bei weitem überstieg. So musste man schon bald nach Baubeginn auf die ursprünglich geplanten 2 Türme verzichten und sich mit einem 63 m hohen Hauptturm begnügen.
Über die ursprüngliche Bemalung und Ausgestaltung der Kirche, die im Krieg zerstört wurden, berichten uns einige alte Zeitungen. Die Ausmalung geschah nach Entwürfen von Prof. Tüshaus (Düsseldorf) für den Chor und Prof. Janssens (Utrecht) für das Oktogon. Das Längsschiff gestaltete der Düsseldorfer Maler Büschkens in der Art der damaligen Nazarener-Schule. Der Grundton der Farbe war ein helles Braun, das mit goldenen Bändern kontrastiert wurde. Im Längsschiff war der Farbton heller, während er zum Oktogon und zum Chorraum hin dunkler wurde.
Die Fenster des Oktogons stellen die 8 Seligkeiten dar. Unter den Fenstern hatte man 6 Darstellungen aus dem Leben des Kirchenpatrons angebracht, wobei jedes der Bilder durch je zwei Figuren flankiert war, die auf die Tugenden des Heiligen hinwiesen.
Die Deckengemälde im Oktogon zeigten 8 alttestamentliche Propheten; das Gemälde am Triumphbogen stellte den thronenden Christus mit Johannes dem Täufer und der Gottesmutter dar.
In den hohen Fenstern des Längsschiffes waren Szenen aus dem Leben Christi dargestellt. Während die Turmfenster bekannte Szenen aus den biblischen Kindheitserzählungen zum Thema hatten, waren die Glasmalereien der fünf Fenster im reich ausgemalten Chor den Geheimnissen des freudenreichen Rosenkranzes gewidmet. Der Hauptaltar war ein dreiteiliger Flügelaltar im neugotischen Stil, reich mit Blattgold verziert. Während die Außenseiten mit den Bildern von drei Martyrern und Martyrerinnen geschmückt waren, boten die Innenseiten das Jugendleben des Heilandes bis zur Taufe im Jordan.
Am 23. Oktober 1944, gut ein halbes Jahr vor dem Ende des 2. Weltkrieges, wurde die Pfarrkirche erheblich zerstört. Durch eine in unmittelbarer Nähe der Kirche niedergegangene Luftmine waren der Dachstuhl des Längsschiffes, des rechten Kirchenschiffes und der rechten Seitenkapelle vollständig vernichtet. Der Dachstuhl des Oktogons, des Priesterchores und der Sakristei sowie das Dach des Turmes wurden zum größten Teil. Durch Witterungseinflüsse noch weiter in Mitleidenschaft gezogen, erhielt die Kirche in der Woche nach Ostern 1945 noch acht Granattreffer bei Einmarsch der Amerikaner. Da man seit dem 23. Oktober 1944 keinen Gottesdienst mehr in der Pfarrkirche feiern konnte, wurden die Sonn- und Werktagsmessen in der Waisenhaus- und Krankenhauskapelle gehalten.

Am 6. Juli 1945 begann man schon zwecks Wiederaufbau der Pfarrkirche mit dem Aufbau des Gerüstes im Längsschiff. Nach der Einrüstung wurden bei einer genauen Prüfung sehr starke Schäden vor allem an der Dachkonstruktion des Oktogons und des Turms festgestellt, deren Herstellung sehr zeitraubend war. Glücklicherweise nahm man von dem ursprünglichen Plan, aus Kostengründen das Gewölbe durch eine flache Decke zu ersetzen, Abstand, so dass die Laurentiuskirche mit Recht weiter die Bezeichnung "Steeler Dom" führen kann. Er wurde am 19.12.1948 (4. Adventssonntag) vom Kölner Weihbischof Josef Ferche feierlich eingeweiht.

Auch der Nachfolger von Pastor Füngeling, Dechant Heinrich Vogel, setzte seit seinem Amtsantritt 1960 tatkräftig die Restaurationsarbeiten am Außenmauerwerk fort und ließ die Kirchenheizung und die Glocken erneuern. Im Oktober 1967 lockerte ein Sturm das zehn Zentner schwere Kreuz mit Wetterhahn und Krone auf dem Turm der Kirche. Tief hatte sich das Kreuz geneigt und drohte auf die unmittelbar an der Kirche liegende Laurentiusschule abzustürzen, so dass die Schule für den Unterricht gesperrt wurde. Von einem durch einen riesigen Autokran 70 Meter hochgezogenen Eisenkäfig aus löste ein mutiger Monteur das schwere Turmkreuz und ließ es langsam zu Boden herab. Mit erheblichem Kostenaufwand wurde ein neues Kreuz mit einem modernen Wetterhahn wieder auf dem Turm angebracht. Die Krone wurde auf das Oktogon gesetzt. Gleichzeitig wurde die gesamte Wasserführung des Kirchendaches erneuert.
In den Jahren 1969 bis 1971 erfolgte dann die Renovierung und Umgestaltung des Kircheninneren. Die Innenwände wurden neu verputzt und erhielt einen ansprechenden Anstrich. Ein komplett neuer Fußboden aus Rosso und Verde antico in großflächigen Platten und Kleinmosaik wurde verlegt, ein Zelebrationsaltar und Verkündigungsambo, der neuen Liturgiekonstitution des Konzils entsprechend nach vorne gerückt, die Orgel überholt, neue Kirchenfenster im Chor und Langschiff eingesetzt, ein neuer, ansprechender Windfang eingebaut und zahlreiche Einrichtungsstücke, wie 6 Bronzeleuchter, der große Leuchter im Oktogon, das Weihwasserbecken, Kredenztisch, Sedilien, Ablagetische, Kerzenopferstöcke und Kerzenständer angeschafft. Die beiden Seiteneingänge neben dem Hauptportal an der Westfassade wurden zugemauert und zu stillen Gebetskapellen (Immerwährende Hilfe und Gedächtnis der Toten) umgestaltet. Zur Hundertjahrfeier der Kirchenkonsekration erhielt die Kirche neue Türen, wobei der Haupteingang eine besondere Gestaltung durch das Tympanon im Spitzbogen erhielt und die Türflügel mit 24 Bronzereliefs (Szenen aus der Heilsgeschichte des Alten und Neuen Testaments) geschmückt wurden.

Die große Sonreck/Klais-Orgel wurde aufgrund statischer Schwierigkeiten und zahlreicher technischer Defekte demontiert, im Pfeifenwerk restauriert, in der Technik erneuert und schließlich am 29. August 1999 um 16.00 Uhr in einer Feierstunde geweiht und durch Laurentiuskantor Alexander Skowron der Gemeinde vorgestellt.

In den Jahren 1999/2000 wurde die Außenfassade der Pfarrkirche gründlich restauriert. Im Zuge dieser Erhaltungsmaßnahmen wurden im nördlichen Langschiff 3 neue Fenster auf der oberen Ebene eingesetzt, passend zu den Darstellungen auf der Südseite. Dies ist zunächst der aktuelle Stand der Geschichte der Steeler Zentralkirche. Die Innenrenovierung der Pfarrkirche ist notwendigerweise bereits geplant und wird innerhalb der nächsten Jahre stattfinden.

In den Jahren 1999/2000 wurde die Außenfassade der Pfarrkirche gründlich restauriert. Im Zuge dieser Erhaltungsmaßnahmen wurden im nördlichen Langschiff 3 neue Fenster auf der oberen Ebene eingesetzt, passend zu den Darstellungen auf der Südseite. Dies ist zunächst der aktuelle Stand der Geschichte der Steeler Zentralkirche. Die Innenrenovierung der Pfarrkirche ist notwendigerweise bereits geplant und wird innerhalb der nächsten Jahre stattfinden.


Westfassade vom alten Friedhof aus
 

Kirchturm
 

Südfassade mit Oktogon
 

Oktogon, Nordseite